Ich hatte immer eine romantische, naive Vorstellung des WG-Lebens. Seit knapp drei Monaten teile ich mir eine Wohnung mit einem angehenden Wirtschaftsinformatiker, einer angehenden Psychologin und einer angehenden Neurobiologin. Dann bin da noch ich: die angehende Soziologin.
Von Sauberkeit und Ordnung hält keiner so wirklich was. Viel lieber sitzen wir am Esstisch in der Küche, ignorieren gekonnt das dreckige Geschirr, welches sich gefährlich stapelt und diskutieren über das aktuelle Wirtschaftssystem und die herrschende Politik. Was heißt hier "wir"? Diskutiert wird nur vom Wirtschaftsinformatiker und mir. Wir beide vertreten absolut gegensätzliche Auffassung und die meisten Diskussionen enden mit der Erkenntnis, dass das jeweilige Gegenüber ein realitätsfremder Vollidiot ist. Unsere Gespräche werden von der Psychologin analysiert und sie macht uns auf Konflikte aufmerksam, die wohl tief in uns vergraben liegen. Gestört wird unsere gemütliche Runde von der Neurobiologin, die uns alle attestiert, dass wir nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.
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