Eigentlich wurde ja schon alles gesagt und geschrieben. Über seine Musik, sein Privatleben, die Eskapaden, Erfolge und Niederlagen. Selbst über seine Rolle für den Musikclip und seine zahlreichen Filmauftritte wurde berichtet. Es gibt daher keinen wirklichen Grund dem weltweiten memento mori etwas hinzuzufügen. Aber Michael Jacksons Tod lädt natürlich dazu ein wenigstens über die Auswirkung von Talent nachzudenken.
War Jackson ein Talent? Zweifelsohne. Was er in der Popmusik bewirkt hat, das lässt sich jetzt in den zahlreichen Nachrufen lesen. In den 70er und 80er Jahren war er auf dem Höhepunkt angelangt. Doch was kam dann?
Es war vorbei. Musikalisch konnte er keine Akzente mehr setzen. An den furios gescheiterten Comebackversuch vor ein paar Jahren sei an dieser Stelle erinnert.Wieso wollte er nochmal zurück auf die große Bühne? Eigentlich kann es ja nur das Geld gewesen sein. Und der Versuch es sich selbst nochmal zu beweisen. Aber die Stimme hat ihre Kraft und ihr Durchsetzungsvermögen irgendwann zwischen 1992 und 1996 verloren.
Talent, das scheint der Fall Jackson eindringlich zu beweisen ist nichts dauerhaftes. Nichts was einen das ganze Leben lang geschenkt wird. Wer weiß was uns Mozart, Presley, Morrison für entsetzlichen Mist hinterlassen hätten, wenn sie länger gelebt hätten. Oder hätten sie es geschafft die Zahl ihrer Meisterwerke zu verdoppeln? Reinste Spekulation und dennoch scheint das bloße Talent nicht zu reichen. Man braucht einen wachen Geist und ein ungebrochene Neugier sein eigenes Metier ständig neu zu entdecken.
Jackson scheint das gefehlt zu haben. Auf den geplanten 50 Londoner-Konzerten wollte er "alle Songs singen, die seine Fans hören wollen". Eigentlich ist das ein brutales Eingeständnis seiner gegenwärtigen Ideenlosigkeit. Was ihm blieb war die Vermarktung seiner künstlerischen Vergangenheit. Da war also einer, der indirekt von sich behauptet hat: ich bin nur gut, wenn ich so bin wie vor 30 Jahren. Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt, wenn man sich dessen bewusst ist. Bei Micheal Jackson schien sich aber die Vorstellung manifestiert zu haben, er können den Erfolg in jeder Sekunde wiederholen. Ihn sogar noch potenzieren. Es war eine aussichtslose Vorstellung.
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Das macht Jacksons Leben zu einem tragischen. So wie er 1978 in "The Wiz" die Vogelscheuche spielte, konnte man nur erahnen, was diesen Mann für Geister getrieben haben. Es muss ein Leben voller Widersprüche gewesen sein. Widersprüche, die seine Rolle in "The Wiz" wunderbar zu spiegeln scheint, und wie Roger Ebert in seinem Nachruf meint:
"He could understand a character who felt stuffed with straw, but could wonderfully sing and dance, and could cheer up the little girl Dorothy."
Sein großes Anwesen hat Jackson "Neverland" genannt. Also nach jenem Land, wo Peter Pan und die "Lost Boys" beheimatet sind. Das Land in dem man nicht erwachsen werden kann. Jackson wollte immer einer von diesen "Lost Boys" sein. Er wollte Kind sein. Doch steckt in diesem Wunschgedanken ein frappierender Denkfehler. Die "Lost Boys" aus dem Peter Pan-Märchen wollen erwachsen werden. Das Schicksal brachte sie aber nach "Neverland". Deshalb verlassen sie "Neverland" am Ende des Buches.
Damit vollziehen sie die logische Konsequenz, die aus Erich Kästners weisen Worten folgt: "Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, der ist ein Mensch." Jackson kämpfte gegen ersteres an und lebte daher nur ein halbes Leben.
Möge er nun in Frieden ruhen.
"No home to phone home to"
Posted by : Patrick | Samstag, 27. Juni 2009 | Published in Film, Jugend, Kindheit, Michael Jackson, Musik, Nachruf, Peter Pan, Roger Ebert, Talent, The Wiz
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