Standort: Teheran

Posted by : Patrick | Montag, 9. März 2009 | Published in

Das eine Mal als ich in Teheran war, ist schon lange her. Die Erinnerungen sind verblasst, da sie nicht festgehalten wurden. Und dennoch komme ich jetzt zu ihnen zurück:


Die SMS kam am letzten Tag: "Macht bitte schnell, ein dänischer Hellseher sagt einen Weltkrieg für November voraus, der mit Bomben auf Teheran beginnt". Ein Scherz. Der Wunsch der schnellen Rückkehr erreichte uns mitten in der Hitze der Metropole. Es war der Vorabend der Preisverleihung des 2nd Annual Cinema Verite: Iran International Documentary Film Festival. Ehrengast war das Urgestein des direct cinema Richard Leacock. Ihm wurde eine ganze Hommage gewidmet. Eines Abends erzählte er uns, dass die interessantesten Dokumente des Festivals, für ihn, aus Polen kämen. Dem polnischen Dokumentarfilm wurde ebenfalls eine eigene Reihe gewidmet, zudem gewann mit "Istnienie" (engl: Existenz) von Marcin Koszalka ein polnischer Film den Grand Prix. Es gab ein Wiedersehen mit den alten Meistern wie Drygas, Lozinski, Borowik, Kosinsky und auch Wiszniewski. Natürlich gab es viele Filme von Krzystof Kieslowski zu sehen, dessen Dokumentarfilme hier frenetisch bejubelt wurden, wie überhaupt Kieslowski bei der Teheraner Intelligenzia so etwas wie ein Guru ist.


Sie sehen eine Gemeinsamkeit zwischen den Filmen die vor 1989 gedreht wurden und ihrer eigenen Situation. Dabei erscheint ihre Lage doch soviel schlimmer und hoffnungsloser. Eingekesselt von einer erkalteten und in ihren groben Formen maroden Revolution, macht sich die Zweideutigkeit, die Hypokrisie und der sogenannte Ketman auf den Straßen der Hauptstadt breit. Als unser Taxifahrer das Wort Polen hört (persisch: Lechistan), streckt das Viktoryzeichen in die Luft und sagt: "Lech Walesa, American Brother." Ist das nun gut oder schlecht? Seinem breiten Lächeln nach zu urteilen wohl eher gut.


Das Lächeln, die Gesichter, es sind die prägenden Momente dieses Volkes. Das zeigen auch die Filme. Einer der herausragenden iranischen Dokumentarfilmer, Mehrdad Oskouei, nimmt sich den Gesichtern seiner Landsleute in "Damagh be sabke iranie" (Nose Iranian Style) an, oder besser: ihren Nasen. Ein seltsamer Trend grassiert auf den Straßen der iranischen Hauptstadt. Menschen laufen mit seltsamen Nasenhüllen und -pflastern durch die Straßen, selbst der Hidschab der Frauen kann dies nicht ganz verdecken. Vor allem junge Männer und Frauen lassen sich ihre markanten persischen Nasen chirurgisch umoperieren. Sie passen sie den westlichen Vorbildern an. Es ist ein Tribut an die westliche Popkultur mit ihrer ganzen Leere, ihrem Plunder und Ramsch. Doch diese Entwicklung ist das Ergebnis eines Landes, welches die Kontrolle über die eigene Tradition in die Hände von religösen Fundamentalisten gab (nicht freiwillig: schließlich wollte man sich der blutigen Schach-Diktatur entledigen). Die Nasen-OP ist also der ultimative Akt der Freiheit. Ein Spiel mit der Form, obwohl - irgendwie paradox - man sie doch nie entfernen kann. Es gibt keine Flucht vor der Form, die eine ersetzt die andere.


Die Herrschaft über das Gesicht, über das eigene Ich, ist im Iran ein Kampf, der im Alltag beginnt und sich bis in die eigene Familie fortsetzt. Auf der wunderschönen Insel Queshm im Persischen Golf müssen Ehefrauen im Gesicht eine Art ledernen Maulkorb tragen. Doch diese Szene, aus Oskoueis zweitem Dokumentarfilm "Az pase borghe" (The Other Side of Burka), ist nicht die, die am meisten beeindruckt. Nein, was wirklich verwundert, ist zum einen die Offenheit mit der die Frauen vor der Kamera über sich sprechen. Zum anderen erstaunt das volle Bewusstsein über die eigene - ziemlich prekäre - Situation. Wie ist das möglich? Der Regisseur erklärt: "Wenn ihre Männer zur Arbeit gehen und danach bis spät in die Nacht vor ihren Teestuben sitzen, sind die Frauen zu Hause und gucken CNN oder MTV. Sie wissen daher sehr gut über sich und die Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft bescheid. Sie wissen auch, dass es ihnen im Gegensatz zu anderen Frauen in der Welt ziemlich schlecht geht, nur können sie nichts daran ändern. Aus tiefer Verzweiflung darüber bringen sich einige selber um."


Vor ein paar Jahren lief auf der Berlinale "Offside" von Jafahr Panahi. Ein Film über ein Mädchen, dass sich als Junge verkleidet, um ein Länderspiel Irans im Stadion sehen zu können. Was wussten wir über den Film als wir ihn mit unseren westlichen Augen erblickten? Damals schrieb ich:


"Mutig, offen und direkt, dass sind Panahis Filme bisher immer gewesen. Seine Werke entstehen aus einer gewissen Sehnsucht heraus, das wahrheitsgetreue Bild der iranischen Gesellschaft in die Welt hinauszutragen. Er möchte zeigen, dass es nicht die einfache Bevölkerung seines Landes ist, die das negative Image Irans repräsentiert, sondern nur die regierende Spitze. [...] Ihm ist durchaus bewusst, dass es nicht damit getan ist nur das westliche Kinopublikum auf die Lage seines Landes aufmerksam zu machen. Seine Filme sollen auch seine Landsleute zu sehen bekommen."


Wir erfahren von Panahis Situation im Iran von seinem eigenen Sohn. Er erzählt uns, dass sein Vater hier nicht arbeiten kann, da er kein Geld für seine Projekte bekommt und was "Offside" angeht: der Film wurde im Iran nie gezeigt. Panahis Sohn hat nun einen eigenen Dokumentarfilm gedreht und zeigt, wie eine gewisse iranische Polizeieinheit nach illegalen Satellitenschüsseln sucht, die auf den Dächern der 14 Millionen Metropole versteckt werden.
In Marjane Alizadehs Dokumentarfilm "Persian Cat Walk" hingegen gibt es eine Szene, in der die völlig in Schwarz gekleideten islamischen Wächterinnen, einige bunt gekleidete Models in ein Polizeiauto zwängen. Es ist eine Razzia beim illegalen iranischen Fernsehsender "Mohajer TV". Die jungen Mädchen moderierten dort eine Sendung vom Typ: fashion & style.


Die Preisverleihung findet in der größten Kongresshalle der Stadt statt. Im festlich geschmückten Saal ragen die großen Fotos der Ajatollahs heraus. Zu erst ertönt die Nationalhymne, anschließend gibt es ein Gebet. Ein Mann betritt das Podium. Er erhebt die Hände gen Himmel, als Zeichen dafür, dass der Preis von Gott kommt. Danach küsst er die Nationalflagge.


Der Preis für den besten Kurzfilm ging an Reza Haeri und seinen Film "Final Cutting", über einen armen Schneider, der die Gewänder für die Mullahs macht. Eine Szene, dieses sehr netten aber ansonsten doch sehr braven Films prägte sich besonders intensiv ein:


Eine Straßenparade – die Mullahs defilieren jubelnd durch die Straße und während ihre Gewänder im Wind flattern ertönt auf der Tonspur die Musik von Nino Rota aus der Revue-Szene von Fellinis "Roma". Bei Fellini war diese groteske Phantasmagorie ein Ausdruck sehnsüchtiger Nostalgie der alten Kirchenmänner gegenüber der Zeit unter Pius XII. - bei Haeri bindet sich die Ironie an die Gegenwart. Das ist das äußerste, was sich ein Regisseur erlauben darf, der zeigen möchte, dass die geistige Revolution in ihren leeren Hülsen völlig verödet ist. Es hätte ein Moment der Hoffnung sein können, doch schmerzlich erinnert es an die Fakten. Schließlich manifestierten die Revolutionäre das Symbol ihrer staatlichen Herrschaft auf dem, was wohl als das Subtilste an der menschlichen Seele angesehen werden darf: dem Glauben.


P.S. Dieser Text wäre nicht möglich gewesen ohne den Festivalleiter der Planet Doc Review, der uns die Filme brachte und natürlich Tadeusz Sobolewski, der uns seine Erinnerungen und Gedanken brachte.

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