Regie(selbst)bilder

Posted by : Patrick | Montag, 9. März 2009 | Published in

Wir betrachten uns oft im schönen Glanz der Projektionsfläche des Kinosaals. Die Leinwand als Spiegel. Wir, die Zuschauer, heften unseren Blick an die schöneren, klügeren oder auch edleren Abbilder. Später, nach dem Film, ist es uns vielleicht ziemlich peinlich unser eigenes, wahres Spiegelbild in den großen Schaufenstern eines Kaufhauses zu sehen. der Blick in den Spiegel hat Geschichte. Die Magie dieses Moments beschäftigte (wie eigentlich fast alles) schon die griechischen Philosophen. Wen sehen wir eigentlich? Oder anders: Wen würden wir gerne sehen, wenn wir uns selber im Spiegel betrachten? Sehen wir möglicherweise die Wahrheit - wie es die chinesischen Weise behaupteten - also all das, was unser Herz und unser Bewusstsein vor uns verborgen hält? Oder doch nur eine Illusion, einen tieferen Ausdruck eines unbekannten Bedürfnisses oder einer Sehnsucht?


Es passiert eigentlich ziemlich häufig, dass Filmregisseure sich bewusst einen Darsteller oder eine Darstellerin aussuchen, in denen sie sich selbst erkennen können. Manchmal benutzen sie sie auch, wie einen Klumpen Lehm aus dem sie dann während ihrer Arbeit ihren eigenen Doppelgänger erschaffen können oder sich völlig neu-erfinden können. Sich selbst als einen "Anderen" kreieren. Der Regisseur besitzt dieses besondere Privileg (oder ist es vielleicht doch sein Schicksal ?), wie kein anderer Kunstschaffender. Oder, wenn man es etwas genauer betrachtet, ist es sein Beruf, der es ihm erlaubt seine realen und imaginierten Unzulänglichkeiten zu kompensieren und nach einem inneren Idealmodell von sich selbst zu suchen.

Der kleine, übergewichtige, nicht sonderlich attraktive und trotzdem mit einer außerordentlichen Intelligenz gesegnete Regisseur Alfred Hitchcock, war bekannt dafür die männlichen Hauptrollen in seinen Filmen, mit, großen, gutaussehenden Frauenschwärmen, wie Cary Grant, Gregory Peck und James Steward zu besetzten. Sie waren die unbestreitbaren Objekte weiblicher Begierde, besonders von ewig schönen Blondinen (z.B. Kim Novak), die auch der Regisseur von "Vertigo" über alles liebte und verehrte.


Federico Fellini fand in Marcello Mastroianni sein Alter Ego; ein irgendwie jüngeres, natürlich auch attraktiveres, verführerisches und von Frauen bewundertes Bildnis des Dorian Gray. Maestro Fellini alterte, wurde mit der Zeit korpulenter, ihm vielen die Haare aus, doch Marcello blieb der gutaussehende Darsteller und was vielleicht noch wichtiger war, er behielt seine Haarpracht und Fellini - das berichteten jedenfalls viele die ihn persönlich kannte - konnte seinen immer kahler werdenden Kopf nicht ausstehen. Aber Fellini - das macht ihn so bewundernswert - hatte nicht nur den Schalk im Nacken, sondern betrachtete die Welt immer mit den Augen eines Karikaturisten und so betrachtete er auch sich selbst.So sah er auch die eigenen Verfehlungen, vielleicht hat er sie sogar aufgebauscht und verzerrt. Sein Alter war jedoch ist eine sehr ambivalente Figur, denn er hat sowohl sehr liederliche und niederträchtige Eigenschaften, wie er durchaus auch zur Selbstironie tendiert. Nicht zu vergessen ist seine typisch südländische Dankbarkeit und Herzlichkeit. Er ist bezaubernd. Nur in "Ginger und Fred" fängt dieses Bild an zu bröckeln, aber das ist eine andere Geschichte ...


Ähnliches suchte und fand Martin Scorsese in den 70er und 80er Jahren in seinem Stammdarsteller Robert De Niro. Später - und das macht diesen Fall so außergewöhnlich - muss Scorsese etwas vermisst haben. Der gealterte De Niro hatte in den Augen des Regisseurs etwas verloren, dass ihn zu Zeiten von "Taxi Driver" und "Wie ein Wilder Stier" noch so aufregend gemacht hatte. Und so schaute er sich um und fand - Leonardo Di Caprio. Seltsam, denn Caprio steht nicht - wie De Niro - für die Verkörperung des reinen Wahns im amerikanischen Kino. Doch es ist unbestreitbar, dass er gerade in letzter Zeit, sicherlich auch durch die Arbeit mit Scorsese, völlig neue Facette präsentieren durfte. Die verlorene und kaputte Jugend der Figuren, deren Geschichte Scorsese immer gerne erzählt, eint sie mit ihm.


In "Le quatre cent coup" (1956) schuf der Franzose Francois Truffaut die Figur des Antoine Doinel, den der damals 15-jährige Jean-Pierre Léaud (übrigens 12 Jahre jünger als der Regisseur!) verkörperte. Die Ähnlichkeit der beiden ist bis heute frappierend. Doinel lebte lange 20 cinematographische Jahre (das waren insgesamt 5 Filme) und erschien zum letzten Mal in "L'Amour en fuite" (1979), als er als Schauspieler schon längst die 30 überschritten hatte. Doinel-Léaud war Truffauts Projektion. Durch ihn konnte der Regisseur seine eigene über alles geliebte Jugend festhalten, in Zelluloid einbalsamieren und die Zeit anhalten oder zumindest ihren Lauf verlangsamen.


Das Festhalten der eignen Jugend - das ist auch das Dilemma von Faust. In "A River Runs Through It" (1992) wählte Robert Redford den damals 29-jährigen Brad Pitt für die Hauptrolle in seinem Film. Was hat ihn dazu bewogen? Vielleicht hat er in ihm sich selbst entdeckt und fühlte sich an den jungen Redford erinnert, den wilden, ungestümen und aufbrausenden Darsteller von einst. Und tatsächlich erinnert Pitt in diesem Film erstaunlich oft an den jungen anderen Redford. In Tony Scotts "Spy Game" (2001) erfolgt dieser unterbewusste Porjektionswille direkt vor der Kamera. Der alte Redford findet den Quell seiner eigenen Jugend in Pitts Figur. Und genau diese Relation ist der eigentlich antreibende Moment des Films geworden.


Was also treibt all diese Regisseure tief in ihrer Seele an? Sind es wirklich nur die Illusionen nach der ewigen Jugend und Schönheit ?

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