Es kann ja reiner Zufall sein. Vielleicht ist es aber auch nur ein rätselhafter Umstand, dass die Geburt des Kinos in genau jene Phase der Menschheitsgeschichte fällt, in der sich die urbanen Ballungszentren zu Weltmetropolen entwickeln. In diesem Sinne war die Erfindung der Gebrüder Lumiére vielleicht auch die erste Erfindung einer urbanen Kultur, die zunächst auch nur innerhalb dieser - also bei den Stadtbewohnern - ihr erstes Publikum fand.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Stadt zur beliebtesten und häufigsten Szenerie der ersten Filme wurde. Hier spielten die neuen Dramen und Komödien. Das undurchsichtige Labyrinth der Straßen, die unheimlichen expressionistisch anmutenden Gassen, die Dämmerung der vollgerauchten Kneipen und Cafés, die dunklen Höfe und die Gärten der Vorstädte – wo, wenn nicht hier sollte man nach der perfekten Kulisse für die schwarz-weißen, suggestiv schweigenden Geschichten suchen?
Das Kino, als neue Kunst, stand in der unmittelbaren Konkurrenz zur Literatur, die bis dahin das Monopol im Erschaffen von urbanen Mythen inne hatte. Gerade erst hatten Edgar Allen Poe oder auch Emila Zola die düsteren Panoramen der großen Städte jener Zeit gezeichnet. Doch eine ganz besondere Stadt rückte in den Mittelpunkt dieser Geschichten - Paris. Es war die Weltmetropole des ausgehenden 19. Jahrhunderts und sollte diesen Status erst in den 20er Jahren an New York verlieren. Paris war das begehrte Objekt der unendlichen Faszination vieler Filmemacher und ist es (erinnern wir uns an die Kurzfilmkompilation "Paris, je t'aime") bis heute noch.
Jeder von diesen Künstlern sah und entdeckte in dieser Lichterstadt neue Arten der Reflektion und neue Arten von Schatten. Jeder von ihnen versuchte immer wieder aufs Neue Ecken und Nischen zu erforschen, die die anderen noch übersehen hatten. So erschafften sie ihren eigenen Mythos der Stadt, den Mythos von Paris.
Das Paris von Marcel Carné zum Beispiel ist eine Stadt, die eine beunruhigende Poesie ausstrahlt, voller Symbole und geheimer Schicksalszeichen, ständig vom Fatalismus durchdrungen. Ein Ort von permanent zum Scheitern verurteilten Leidenschaften. Ein Ort der die Liebenden trennt und eher selten vereint. Carnés Vision von Paris prägte viele verschiedene Filmemacher. Anhand seiner Vision wurden Berlin, Mailand oder auch Madrid geprägt.
Das Eindringen in Paris, in die agilen Menschenmassen, die die langen Straßen entlang strömen, das Betreten der kleinen bekannten Cafés und Lokale, das leise und stille Beobachten der Menschen am Nachbartisch – das waren die Lieblingsaufgaben der Kamera unter der Regie der Gründerväter der Nouvelle Vague; Also von Männern wie: Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer, Jacques Rivette oder auch Louis Malle. In ihren Filmen war Paris der erste Hauptdarsteller, immer viel mehr als bloße Kulisse oder totes Stadtdekor. Es war der einzige Platz, der es Wert war mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wie in einem Brennglas oder wie das Licht, welches sich in einem Wassertropfen bricht, spiegelte sich in dieser Parisvision die ganze moderne Welt.
Am besten sieht man das vielleicht in "Cléo de cinq à sept" (1962) von Agnès Varda - hier meint man die Faszination an der Stadt, als etwas wundervolles, magisches, mystisches förmlich zu spüren. Die Stadt als lebender Organismus, der voller Perspektiven und unerwarteter Möglichkeiten steckt. Wenn man Paris durch Vardas Augen betrachtet, pulsiert es unaufhörlich. Wir sehen einen Ort voll vielfältiger Stimmungen und Launen. Man kann ihn mit nichts vergleichen, denn hier ist nicht gleich oder beliebig. Doch über all das ist Paris - so wie es die Regisseure der Nouvelle Vague sahen oder immer noch sehen - ein Ort des Treffens und der Begegnung.
Bei Claire Denis gehen die Menschen an sich vorbei, sie verpassen sich, fliehen vor einander und gehen auseinander. In ihren Filmen stellen selbst die kleinen Hotels, Bars, Wohnungen nicht mehr den Lebensmittelpunkt der Figuren dar. Es sind keine Überlebensräume mehr, sondern viel mehr Räume der Entwurzelung. Die Figuren sind immer unterwegs, sie kommen von irgendwo her und wandern ins Unbekannte weiter. Es sind unruhige Imigranten.
Es gibt sicherlich noch andere, nicht minder schöne, mystische Städte. Die Filmgeschichte ist voll mit ihnen und es scheint als ob in den nächsten Jahren noch etliche dazukommen werden; Man denke nur an Berlin, New York, Venedig, Los Angeles, London, San Francisco ... Aber über die schreibe ich ein anderes mal.

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