Vorspiel: Der neue Terminator kommt uns dazwischen. So sind wir nur zu zweit bei der Pressevorstellung von Alexandr Sokurovs Film "Alexandra". Dass der Großteil der Berliner Filmjournalisten für einen 15-minütigen Ausschnitt eines Films, inklusive Pressefrühstück, diesen Film links liegen lässt, sagt vieles über die Arbeitseinstellung einiger Kollegen aus. Sei's drum ...

Als Alexandra aus dem Zug steigt ist es schon dunkel. Sie wird von russischen Soldaten auf einen Panzer gehievt. Alexandra ist zu Besuch. Sie will zu ihrem Enkel, der hier, irgendwo im tschetschenischen Hinterland, stationiert ist. Alexandr Sokurov filmt diesen Besuch der alten gebrechlichen Oma fast ausschließlich in einem einzigen Farbton. Was nicht verwundert, wenn man die Vorgängerfilme des Russen kennt. In "Alexandra" dominiert das Gelb. Die Bilder sind tief in dieses Gelb getaucht; überall ist Sand, Schotter, Staub und Hitze. Mitten in diesem Militärcamp schleppt sich die gewichtige Alexandra von Soldat zu Soldat. Sie lauscht, beobachtet, fragt, hört und versteht. Das Großmütterchen sieht, wie die stationierten (meist auch nicht volljährigen) Soldaten wache halten, essen, ihre Waffen und Gewähre säubern, wie sie die Panzer und andere Einsatzfahrzeuge waschen oder einfach nur die Zeit totschlagen.
Wenn sie die Soldaten befragt, dann scheint sie eine ungewöhnliche Macht über diese Männer zu haben. Unter ihrem eisernen aber immer auch unendlich liebevollen Blick, reden sogar die härtesten Typen der Armee. Alexandra geht auch raus aus dem Camp, auf dem Markt neben dem Bahnhof, wo die tschetschenischen Frauen versuchen den russischen Soldaten Zigaretten und Kekse zu verkaufen. Sie spricht auch mit den Frauen. Sie verstehen sich gut. Sie sind Schwestern wider den politischen Umständen.
Alexandra, die Figur, ist für Sokurov Mittel zum Zweck. Durch ihr Eindringen in eine entlegene Gegend entwirft der Regisseur ein Panorama der aktuellen Befindlichkeiten aller Beteiligter des russischen Tschetschenienfeldzuges. Natürlich ist alles absurd: Der Krieg, der seelische Zustand der Soldaten, die Wohnverhältnisse der Tschetschenen, die in Ruinen hausen und auf Besserung hoffen. Was besonders interessant an "Alexandra" ist, ist die Tatsache, dass bis auf die alte Frau niemand nachfragt, niemand die eigene Position und Lage hinterfragt. Man hat sich arrangiert. Freund und Feind scheinen geordnet. Die Linien, denen das dortige Leben folgt, sind längst gezogen.
Das alles ist im Film immer gefährlich nah am unnötigen Pathos und Kitsch. Wenn Alexandra von einem jungen Tschetschenen wieder zurück zum Camp gebracht wird, fragt sie ihn, was denn seine Wünsche, Ziele und Hoffnungen seien. Darauf eröffnet er ihr: "Könnt ihr denn nicht weg gehen? Ihr Alle." Das wirkt selbst in diesem sehr bewegenden und über weite Strecken auch inspirierenden Werk etwas naiv.
Was bleibt sind die Blicke und die Augen. Die unerbittlichen aber zugleich auch eine bessere - oder zumindest eine andere- Zukunft versprechenden, von Alexandra. Die leblosen, gedrillten, kindheitslosen, der russischen Soldaten und die wütenden, ohnmächtigen der tschetschenischen Jugend. Am Ende sehen wir, wie Alexandra sich mit den tschetschenischen Frauen umarmt. Sie bilden einen Menschenring. Ein Kreis der Hoffnung - Der Zusammenhalt der Frauen als einziger Lichtblick in einer politisch hoffnungslosen Situation zwischen zwei Völkern; ein trotz seiner optimistischen Absichten düsterer Blick in einem ansonsten sehr hellen Film.
Nachtrag: "Alexandra" lief auf dem sehr wichtigen und wirklich herausragenden Festival "Around the world in 14 Films". Vielleicht die erste und einzige Möglichkeit diesen Film in Deutschland zu sehen.

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